Auf dem Weg zur modernen Partei
Liberale in Geldern und am linken Niederrhein nach 1850
Am Beispiel politischer Entwicklungen am linken Niederrhein, wo Dr. Lydia Hüskens geboren wurde, zeigt der folgende Text den Weg der Liberalen zu einer modernen politischen Partei auf:
Zahlreiche wahlhistorische und -soziologische Studien zeigen, dass trotz des unverkennbaren Trends zur Individualisierung und Erlebnisorientierung in unserer Gesellschaft die Bindung zu einer Partei nach wie vor auch durch traditionell-gemeinschaftsorientierte Vorstellungen geprägt ist. Die Sozialisation und geografische Herkunft, die Konfession und das berufliche Umfeld bestimmen die Wahlentscheidung des einzelnen Burgers immer noch viel stärker als die aktuellen Wahlprogramme, Fernsehspots oder Internet-Auftritte der Parteien.
Politische Mehrheiten ändern sich nur sehr langsam und gehen häufig mit gesellschaftlichen Veränderungen, z. B. Krisensituationen in einer Region, einher. Am linken Niederrhein etwa kann man den starken Zuzug von Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und den Zuzug von Arbeitnehmern aus dem Ruhrgebiet als solche einschneidenden Entwicklungen festmachen. Sie hatten Einfluss auf die seit 1872 unangefochtene Vorrangstellung des Zentrums (bzw. nach 1945 der CDU) in der politischen Parteienlandschaft, die ja ebenfalls durch eine politische Krisensituation, nämlich den Kulturkampf in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts, begründet worden war.
Der Kulturkampf - eine politische Zäsur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - als sich Parteien erst nach und nach herausbildeten - lassen sich (nicht nur) im Altkreis Geldern drei politische Strömungen ausmachen:
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die Gouvernementalen, die eine regierungstreue, d. h. konservative Politik verfolgten und starke Unterstützung z. B. bei den Beamten fanden;
der politische Katholizismus, der sich als Opposition gegen den preußisch-protestantisch dominierten Nationalstaat neu herausbildete;
die Liberalen, denen es weder um eine Vormacht Preußens noch Österreichs ging, sondern zunächst um bürgerliche und politische Freiheitsrechte.
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Für die liberale Sache traten (nicht nur) im Altkreis Geldern zahlreiche Verfechter der Revolutionsideale von 1848 auf, in Geldern etwa Friedrich Nettesheim (1818-1881) oder der Kaufmann Hermann van der Moolen (1828-1892).
Mit dem Beginn der "Neuen Ara" in Preußen 1858 fanden die Liberalen in Geldern und Umgebung immer mehr Unterstützung. Sie formierten sich als klassische Honoratiorenpartei, in der sich die führenden Funktionäre privat oder in den Oberschichtenvereinen trafen, so z. B. in der "Friedrich- Wilhelm-Gesellschaft". In Geldern existierte darüber hinaus seit 1862 ein Turnverein, der wie viele andere in der Rheinprovinz Anfang der 60er Jahre gegründet worden war - auch eine Reaktion auf den neuen politischen Kurs in Preußen, der begrenzte bürgerliche Freiheitsrechte und eine Politik der nationalen Einheit im nach wie vor zersplitterten Deutschen Bund versprach.
Die Turner verstanden sich zunächst als Verfechter eines konstitutionellen deutschen Nationalstaates, nach 1871 jedoch verschob sich die Betonung der politischen Ausrichtung auf den Nationalstaat. Die Behandlung politischer Themen bei den Vereinstreffen war üblich; dies gilt übrigens für die Geschichte der Turnbewegung seit ihren Anfängen unter Friedrich Ludwig Jahn.
Bis Anfang der 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts reichte diese „Vorfeldorganisation“ für die liberale Bewegung in Geldern aus, um die kommunalen Wahlkämpfe zu gewinnen. Das änderte sich schlagartig mit der Auseinandersetzung zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche bzw. dem sich neu formierenden politischen Katholizismus. Das Gefühl, vom Staat verfolgt zu werden, eine politisch, wirtschaftlich und sozial benachteiligte Minderheit in Preußen bzw. im Deutschen Reich zu sein, führte zum Schulterschluss der Katholiken und zur Reduzierung aller politischen Auffassungen auf einen Aspekt: die Verteidigung der katholischen Kirche und ihrer Rechte.
Die Liberalen waren durch die Reichsgründung mit dem preußischen Staat versöhnt und befürworteten eine klare Trennung zwischen Staat und Kirche. Sie verloren nun in einem katholisch dominierten Milieu sogar ihre Mandate bei den Stadtverordnetenwahlen in Geldern, die nach dem Dreiklassenwahlrecht abliefen. Selbst die Stimmen in der ersten Klasse waren ihnen in einer Zeit, in der auch kommunalpolitisch nur die „konfessionelle Karte“ gespielt wurde, nicht mehr sicher.
Dies war die erste politische Zäsur innerhalb des Wählerspektrums in einer Zeit, in der nun vermehrt die politischen Parteien in der Kommunalpolitik aktiv wurden: "Die Ersetzung der Honoratiorenvertreter durch Parteipolitiker machte rasche Fortschritte, so dass z. B. in den Städten Rheinland-Westfalens um 1910 allenfalls noch jeder zehnte Stadtverordnete parteilos war." (Jürgen Reulecke) Diese Entwicklung wurde durch den Kulturkampf beschleunigt. Sie drängte die Liberalen im Kreis Geldern aufgrund der überwiegend katholischen Bevölkerung in eine Randposition.
In den folgenden Jahren bezeichneten sich überwiegend die evangelischen und jüdischen Unternehmer in und um Geldern sowie die wenigen katholischen Mitglieder der Gelderner Oberschicht als Liberale. Allerdings waren sie nicht gewillt, ihre politischen Positionen angesichts der für sie erdrückenden Übermacht des Zentrums einfach aufzugeben. Sie versuchten, der gut organisierten politischen Arbeit des Zentrums und seiner Vorfeldorganisationen (katholisches Vereinswesen, vor allem: Mainzer Katholikenverein) eine eigene Wahlkampforganisation entgegenzusetzen - den "Nationalen Verein" für den Kreis Geldern. Gegründet am 17. Mai 1874 - also auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes - fasste er alle Liberalen des Kreises Geldern zusammen, darunter so bekannte Namen wie van der Moolen, Nettesheim, van Harn, Francken, Buschmann (alle aus Geldern), Carl Rath und Heinrich Walters (Aldekerk) oder Leendertz und Mühlen aus Issum. Sie gehörten der ersten und zweiten Wahlklasse an, waren vor allem 40 Unternehmer und Beamte, einige wenige einige Gutsbesitzer und Handwerker, sowie evangelische Geistliche.
Trotz nationaler Ausrichtung, guter Organisation und geradezu moderner Wahlkampf techniken (siehe unten) gelang es dem "Nationalen Verein" jedoch nicht, die Dominanz des Zentrums ernsthaft in Frage zu. stellen. Bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus und den Kommunalwahlen eroberten die Liberalen erst nach dem Abflauen des Kulturkampfes Plätze in der Gemeindevertretung.
Die politische Arbeit des "Nationalen Vereins"
"Zweck des Vereins ist, durch Verheilung von Schriften, durch Abhaltung von Versammlungen. und ähnliche Mittel für Verbreltung freisinniger und patriotischer Gesinnung zu wirken und Front zu machen gegen Gesetze verachtende oder reichsfeindliche Bestrebungen, wo immer solche auch hervortreten mögen.“
So lautete der erste Paragraph der Statuten des "Nationalen Vereins", die so eindeutig wie kaum ein anderes Vereinsstatut im Altkreis Geldern den politischen Gegner des Vereins erkennen lassen. Denn mit den "Gesetze verachtende[n] oder reichsfeindliche[n] Bestrebungen" waren eindeutig die Aktivitäten der angeblich von Rom gesteuerten "katholischen Partei" angesprochen, die das politische und gesellschaftliche Leben in Geldern und im gesamten Rheinland dominierte.
Motor der politischen Arbeit des Vereins war der Steuerbeamte Ferdinand Zingsem, der Schriftführer des "Nationalen Vereins". Er organisierte die Verteilung der politischen Flugschriften, die der Verein vor allem vom "Deutschen Verein für die Rheinprovinz" erhielt. Titel dieser Flugschriften waren etwa: "Die preußischen Maigesetze und die katholische Kirche“ oder „Katholiken, was hat man aus eurer Religion gemacht“. Natürlich wollte diese politische Propaganda die katholische Bevölkerung des Kreises beeindrucken und für die nationalliberale Sache einnehmen. Insbesondere propagierten die Texte eine klare Abgrenzung von Staat und Kirche: Religion wurde zur Privatsache erklärt.
Letztlich spiegeln diese Flugblätter die Überzeugung der Liberalen wider, der katholische Bevölkerungsteil werde von Kirche und Klerus in politischer Unmündigkeit gehalten. Eine konsequente Eindämmung des geistlichen Einflusse würde aus ihrer Sicht den liberalen Ideen quasi von selbst zum Durchbruch verhelfen.
Neben den Flugblättern, die in der katholischen Bevölkerung wenig Resonanz fanden, spielten die vom „Nationalen Verein“ organisierten politischen Vorträge eine wichtige rolle bei dem Versuch, über neue Formen der Mobilisierung politischen Einfluss zurückzugewinnen. Es lassen sich im Zeitraum von 1874 bis 1878 knapp 20 solcher Vorträge nachweisen, die ausschließlich von auswärtigen Rednern vor einem unterschiedlich großen Publikum gehalten wurden.
Wie der Turnverein trat auch der „Nationale Verein“ bei den großen Nationalfesten des Kaiserreiches wie dem Sedantag oder Kaisergeburtstag öffentlich in Erscheinung. Als der Stadtrat von Geldern in den Jahren des Kulturkampfes Zuschüsse aus der Stadtkasse für die Feierlichkeiten verweigert, finanzierten Mitglieder des „Nationalen Vereins“ den üblichen Festball und die Süßigkeiten für die Schulkinder.
Darüber hinaus versuchten sie, durch das Beflaggen ihrer Privat- und/oder Geschäftshäuser dem Festumzug einen feierlichen Rahmen zu geben. Dieses Unterfangen wurde im Nachhinein von der katholisch orientierten Lokalpresse konterkariert und löste dadurch bei einigen Kaufleuten einen Kaufboykott durch den katholischen Bevölkerungsteil aus.
Wirksamer als der private Aktionismus zu Ehren von „Kaiser, Volk und Vaterland“ war die Nutzung der „Geldern’schen Zeitung“ als liberales Haus- und Richtungsblatt. Mit dem Beitritt des Herausgebers zum „Nationalen Verein“ erhielt dieses zunächst konservative Blatt mehr und mehr eine nationalliberale Ausrichtung. Dies führte zu einigen heftigen Pressefehden mit dem katholischen Presseorgan, dem „Geldern’schen Wochenblatt“. Durch Leitartikel, politische Positionspapiere, Leserbriefe etc. wurde hier das gesamte liberale Profil geschärft.
Vereinsarbeit, Pressearbeit, Veranstaltungen, Flugblätter – trotz dieser recht breiten Palette politischer Aktionsmittel war die Arbeit des „Nationalen Vereins“ nicht von durchschlagendem Erfolg gekrönt. Trotzdem ist dieser erste politische Verein in und um Geldern ein wichtiger Bestandteil der politischen Geschichte der Stadt und der Region linker Niederrhein insgesamt. Er ist der erste Versuch, durch eine Basisorganisation Stimmen für eine politische Richtung zu erhalten. Er provozierte mit seinen modernen politischen Aktionsformen – gemessen an den Bedingungen der Zeit und des regionalen Umfeldes – bei den Katholiken eine nachhaltige Reaktion: Diese gründeten de „Gesellschaft Erholung“, eine letztlich effektivere, weil von einer breiten Bevölkerungsschicht getragene Wahlkampforganisation.
Literaturhinweise:
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Martin Baumeister: Parität und katholische Inferiorität. Untersuchungen zur Stellung des Katholizismus im Deutschen Kaiserreich, München 1987.
Dieter Düding: Organisierter gesellschaftlicher Nationalismus in Deutschland (1808-1847). Bedeutung und Funktion der Turner- und Sängervereine für die deutsche Nationalbewegung, München 1984.
Lydia Hüskens: Vereine und Politik. Politische Vereine exemplarisch untersucht für den Kreis Geldern in den Reichsgründungsjahren und während des Kulturkampfes, phil. Diss., Münster 1990.
Dieter Langewiesche: Liberalismus in Deutschland, Frankfurt/M. 1988.
Karl Egon Lönne: Politischer Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1986.
Thomas Nipperdey: Duetsche Geschichte 1866-1918, Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, München 1992.
Jürgen Reulecke: Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt/M. 1985.
Wolfgang Ribhegge: Konservative Politik in Deutschland, München 1989.
Karl Rohe: Wahlen und Wählertraditionen in Deutschland, Frankfurt/M. 1992.
Wolfgang Schwentker: Konservative Vereine und Revolution in Preußen 1848/49. Die Konstituierung des Konservatismus als Partei, Düsseldorf 1988.
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Artikel von Dr. Lydia Hüskens, nach dem Abdruck im Gelderner Heimatkalender 1993

